Prof. Dr. Gerhard Wolf
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Im Zeitalter der Globalisierung hat sich auch der Blickwinkel der historischen Forschung deutlich geweitet. Während Wissenschaftler in der Vergangenheit vor allem Nationen sowie anderweitig politisch, ethnisch oder geographisch abgegrenzte Territorien erforschten, konzentrieren sie sich heute stärker auf so genannte Kulturräume wie Europa oder das Mittelmeergebiet. Typische Forschungsfragen lauten etwa: Welche gemeinsamen Rechtssysteme gab es in Europa zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert? Welche Beziehungen pflegten China und die westliche Welt in der Zeit vor 1650? Warum verbreitete sich die Repräsentationssprache der Architektur von Italien aus über unseren Kontinent?
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Der Begriff des Kulturraums ist dabei nicht neu. Anthropologen und Ethnographen prägten ihn bereits im 19. Jahrhundert. Er beschreibt Gebilde, die sich durch bestimmte Gemeinsamkeiten in Geographie, Politik, Wirtschaft, Religion, Kultur, Recht, Sprache oder Kunst definieren. Geographische und nationale Grenzen spielen dabei meist nur eine untergeordnete Rolle. Es geht andererseits aber auch nicht um so pauschale Beschreibungen wie »das christliche Abendland« oder »der Islam«. Denn diese Begriffe werden den komplexen historischen Zusammenhängen oft nicht gerecht.
Seit der bedeutenden Mittelmeerstudie des französischen Historikers Ferdinand Braudel von 1949 gilt diese Region, in der sich Südeuropa, Vorderasien und Nordafrika treffen, als klassisches Modell eines Kulturraums1-3. Zwar stellt er weder religiös noch ethnisch ein homogenes Gebilde dar – im Gegenteil! Doch schon in der Bronzezeit pflegten die Bewohner seiner Küstengebiete einen intensiven Austausch und beeinflussten sich gegenseitig etwa in der Wissenschaft und Kunst. Auch wenn sich dadurch keine gemeinsame Identität im engeren Sinn ausbildete, entwickelten die Anrainer des Mittelmeers vielfältige Gemeinsamkeiten in der kulturellen Gestaltung ihrer Welt.
Dieser Prozess begann schon zur Zeit des römischen Imperiums. So prägte Roms monumentale Bild- und Architektursprache für Jahrhunderte weite Gebiete des Mittelmeerraums. Christen wie Muslime griffen diese auf und machten sie sich in verwandelter Form zu eigen. Die große Moschee von Damaskus, die Hagia Sophia, die Mezquita von Cordoba und eine Fülle von Kirchenbauten im Westen sind imposante Beispiele dafür.
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Die Forschung zum Mittelmeerraum deckt ein weites Feld ab. Wissenschaftler beschäftigen sich unter anderem mit den unterschiedlichen Phasen religiöser Toleranz zwischen Juden, Muslimen und Katholiken, der so genannten »Convivencia«, oder vergleichen Architektur und Bildkulturen der Vormoderne4. Ihr Interesse gilt aber auch weiter gefassten Zusammenhängen, denn der von Braudel modellhaft beschriebene Mittelmeerraum kann zum Beispiel nicht isoliert von Asien betrachtet werden.
Schon früh bildeten unter anderem Persien und China die Grenze nach Osten. Zudem entstanden in Fernost immer wieder neue Großreiche wie etwa das der Mongolen. Noch steht die Erforschung der komplexen interkulturellen Zusammenhänge am Anfang. Historiker untersuchen derzeit, wie die mongolische Expansion ab dem 13. Jahrhundert andere, regional begrenzte Kulturen beeinflusste und durchdrang, wann erste übergreifende Rechtsordnungen entstanden und wie der Transfer von Waren und Wissen erfolgte5.