Kulturwissenschaften . Sozialwissenschaften

Kulturräume

Nicht national oder geographisch begrenzte Gebiete untersuchen Historiker heute, sondern so genannte Kulturräume. Die komplexen Prozesse der Globalisierung und die damit einhergehenden Konflikte lassen sich in dieser erweiterten Betrachtung besser verstehen. Die Mittelmeerzone, in der drei Kontinente aneinanderstoßen, ist für Historiker grundlegendes Modell eines Kulturraums.

Im Zeitalter der Globalisierung hat sich auch der Blickwinkel der historischen Forschung deutlich geweitet. Während Wissenschaftler in der Vergangenheit vor allem Nationen sowie anderweitig politisch, ethnisch oder geographisch abgegrenzte Territorien erforschten, konzentrieren sie sich heute stärker auf so genannte Kulturräume wie Europa oder das Mittelmeergebiet. Typische Forschungsfragen lauten etwa: Welche gemeinsamen Rechts­systeme gab es in Europa zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert? Welche Beziehungen pflegten China und die westliche Welt in der Zeit vor 1650? Warum verbreitete sich die Repräsentationssprache der Architektur von Italien aus über unseren Kontinent?

Die Hagia Sophia (erbaut im 6. Jahrhundert) war der religiöse Mittelpunkt des Byzantinischen Reichs und der griechischorthodoxen Kirche – bis die Osmanen 1453 Konstantinopel einnahmen und aus der Kirche eine Moschee machten. Seit 1934 ist sie Museum. Bild vergrößern
Die Hagia Sophia (erbaut im 6. Jahrhundert) war der religiöse Mittelpunkt des Byzantinischen Reichs und der griechischorthodoxen Kirche – bis die Osmanen 1453 Konstantinopel einnahmen und aus der Kirche eine Moschee machten. Seit 1934 ist sie Museum. [weniger]

Der Begriff des Kulturraums ist dabei nicht neu. Anthropologen und Ethnographen prägten ihn bereits im 19. Jahrhundert. Er beschreibt Gebilde, die sich durch bestimmte Gemeinsamkeiten in Geographie, Politik, Wirtschaft, Religion, Kultur, Recht, Sprache oder Kunst definieren. Geographische und nationale Grenzen spielen dabei meist nur eine untergeordnete Rolle. Es geht andererseits aber auch nicht um so pauschale Beschreibungen wie »das christliche Abendland« oder »der Islam«. Denn diese Begriffe werden den komplexen historischen Zusammenhängen oft nicht gerecht.

Rund ums Mittelmeer - Modell eines Kulturraums

Seit der bedeutenden Mittelmeerstudie des französischen Historikers Ferdinand Braudel von 1949 gilt diese Region, in der sich Südeuropa, Vorderasien und Nordafrika treffen, als klassisches Modell eines Kulturraums1-3. Zwar stellt er weder religiös noch ethnisch ein homogenes Gebilde dar – im Gegenteil! Doch schon in der Bronzezeit pflegten die Bewohner seiner Küstengebiete einen intensiven Austausch und beeinflussten sich gegenseitig etwa in der Wissenschaft und Kunst. Auch wenn sich dadurch keine gemeinsame Identität im engeren Sinn ausbildete, entwickelten die Anrainer des Mittelmeers vielfältige Gemeinsamkeiten in der kulturellen Gestaltung ihrer Welt.

Dieser Prozess begann schon zur Zeit des römischen Imperiums. So prägte Roms monumentale Bild- und Architektursprache für Jahrhunderte weite Gebiete des Mittelmeerraums. Christen wie Muslime griffen diese auf und machten sie sich in verwandelter Form zu eigen. Die große Moschee von Damaskus, die Hagia Sophia, die Mezquita von Cordoba und eine Fülle von Kirchenbauten im Westen sind imposante Beispiele dafür.

Im Mittelmeerraum leben Völker unterschiedlicher politischer, wirtschaftlicher und religiöser Systeme. Geeint sind sie durch eng miteinander verwandte Kunst und Architektur – geprägt von den Römern, später auch von Christen und Muslimen. Das Kapitell aus Monreale (Sizilien) wurde im 12. Jahrhundert nach antikem Vorbild geschaffen und zeigt das Opfer des Mithras. Bild vergrößern
Im Mittelmeerraum leben Völker unterschiedlicher politischer, wirtschaftlicher und religiöser Systeme. Geeint sind sie durch eng miteinander verwandte Kunst und Architektur – geprägt von den Römern, später auch von Christen und Muslimen. Das Kapitell aus Monreale (Sizilien) wurde im 12. Jahrhundert nach antikem Vorbild geschaffen und zeigt das Opfer des Mithras. [weniger]

Die Forschung zum Mittelmeerraum deckt ein weites Feld ab. Wissenschaftler beschäftigen sich unter anderem mit den unterschiedlichen Phasen religiöser Toleranz zwischen Juden, Muslimen und Katholiken, der so genannten »Convivencia«, oder vergleichen Architektur und Bildkulturen der Vormoderne4. Ihr Interesse gilt aber auch weiter gefassten Zusammenhängen, denn der von Braudel modellhaft beschriebene Mittelmeerraum kann zum Beispiel nicht isoliert von Asien betrachtet werden.

Schon früh bildeten unter anderem Persien und China die Grenze nach Osten. Zudem entstanden in Fernost immer wieder neue Großreiche wie etwa das der Mongolen. Noch steht die Erforschung der komplexen interkulturellen Zusammenhänge am Anfang. Historiker untersuchen derzeit, wie die mongolische Expansion ab dem 13. Jahrhundert andere, regional begrenzte Kulturen beeinflusste und durchdrang, wann erste übergreifende Rechtsordnungen entstanden und wie der Transfer von Waren und Wissen erfolgte5.

Ein mit der Mittelmeerzone überlappender Kulturraum jüngeren Datums ist Europa. Vor allem auf Grund der Geographie des Kontinents waren viele der hier beheimateten Kulturen und Religionen von denen der Mittelmeerzone getrennt. Über Jahrhunderte hinweg orientierten sich die Bewohner Europas aber dennoch stark an antiken Vorbildern: an der griechischen ­Polis sowie dem römischen Imperium. Später – in den Epochen des Humanismus und der Aufklärung – griff Europa abermals auf diese Weltreiche des Altertums zurück, entwickelte neue Werte und Vorstellungen und exportierte sie durch seine Kolonial­politik nach Amerika, Afrika und Asien.

Historische Entwicklung - Wegweiser für die Zukunft

Italien spielte bei der Schaffung des Kulturraums Europa eine ganz zentrale Rolle. Antike Bauten und Kunstwerke verliehen dem Land eine einzigartige Ausstrahlung, die auf den ganzen Kontinent wirkte. Vielerorts prägte die römische Baukunst eine ein­heitliche architektonische Repräsentationssprache, und italienische Ingenieure schufen später Befestigungen in ganz Europa. Lombardische Baumeister errichteten beispielsweise Ende des 15. Jahrhunderts die Basilika im Moskauer Kreml. In vielen europäischen Ländern berief sich das Bürgertum des 19. Jahrhunderts auf das Florentiner Patriziat der frühen Renaissance?6.

Ähnliche Entwicklungen führten zu Gemeinsamkeiten im Rechts- und Bildungssystem sowie bei den Staatsvorstellungen verschiedener Nationen7,8. So half die europäische Idee auch während der vergangenen 65 Jahre, eine ganze Reihe von nationalstaatlichen Elementen innerhalb der politischen Strukturen der Europäischen Union zu entschärfen. Und auch der Balkan mit seiner religiösen und ethnischen Vielfalt – als Teil Europas lange Zeit zu wenig beachtet – wird zukünftig in die allgemeine Rechtskultur der Europäischen Union integriert werden.

Die historischen Entwicklungen, die zu den drei Kulturräumen des amerikanischen Kontinents führten, gehören zu den wichtigen Forschungsschwerpunkten. Dabei geht es insbesondere um die Rechtssysteme und deren europäische Wurzeln. Bild vergrößern
Die historischen Entwicklungen, die zu den drei Kulturräumen des amerikanischen Kontinents führten, gehören zu den wichtigen Forschungsschwerpunkten. Dabei geht es insbesondere um die Rechtssysteme und deren europäische Wurzeln. [weniger]

Unterdessen nehmen Forscher auch in anderen Kulturräumen die Entwicklung und Ausprägung verschiedener Rechtsformen in den Blick. Anhand von juristischen Gepflogenheiten in den Amerikas, die auf europäische Vorbilder zurückgehen, analysieren Rechtswissenschaftler viele grundlegende Weichenstellungen der Moderne. Dazu zählen die Teilung Amerikas in Nord-, Süd- und Mittelamerika, die besondere Rolle der pazifischen Welt bei der Erschließung des Atlantikraums sowie das europäische Kirchenrecht, wie es im frühneuzeitlichen Hispanoamerika weiterentwickelt wurde9.

Indem Forscher die historische Entwicklung der wichtigen Kulturräume untersuchen, gelangen sie auch zu einem tieferen Verständnis der Ursachen, die zu anhaltenden Spannungen zwischen Nationalstaaten führen10,11. Diese mündeten in der Vergangenheit schon oft in Kriege, wie zuletzt in den 1990er Jahren in der Balkanregion.

So kompliziert interdisziplinäre Ansätze in der kulturhistorischen Forschung auch umzusetzen sind – bei Fragen der Globalisierung und den durch sie entstandenen Konflikten zahlt sich eine solche Vielfalt der Perspektiven zweifellos aus. Denn erst wenn es gelingt, kulturelle Gemeinsamkeiten zu identifizieren, die über Landesgrenzen und nationale Konventionen hinwegreichen, wird es für viele Menschen leichter möglich sein, Identitäten zu definieren, ohne dabei andere auszugrenzen. Und wer ein von Toleranz und Wissen um gemeinsame Traditionen geprägtes Verhältnis zu seinen Nachbarn pflegt, der verstrickt sich nicht so schnell in kriegerische Auseinandersetzungen mit ihnen.

Mit dem Projekt »Mediterrane Kunstgeschichte« am Kunsthistorischen Institut in Florenz (MPI) soll die Trennung zwischen westlicher, byzantinischer und islamischer Kunst-geschichte überwunden werden. Dabei werden die künstlerischen und kulturellen Interaktionen von der Spätantike bis zur frühen Neuzeit erforscht – und der Mittelmeerraum nicht als autarke Welt betrachtet. Vielmehr geht es um Vernetzung und Dynamik der gegenseitigen Beziehungen von Mittelmeerraum, Zentralasien und Fernost.

Braudel, F.
La Méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II
Horden, P. & Purcell, N.
The Corrupting Sea. A Study of Mediterranean History
Harris, W. V. (ed.)
Rethinking the Mediterranean
Wolf, G.
Lateinisch-griechisch-arabische Begegnungen. Kulturelle Diversität im Mittelmeerraum des Spätmittelalters (eds Mersch, M. & Ritzerfeld, U.) 39–62
Kunsthistorisches Institut in Florenz.
Art, space and mobility in the early ages of globalization.
Curcio, G. & Kieven, E.
Storia dell’Architettura Italiana: Il Settecento
Patrick Glenn, H.
Legal Traditions of the World
Legrand, P. & Munday, R. (eds)
Comparative Legal Studies: Traditions and Transitions
Duve, T.
Sonderrecht in der Frühen Neuzeit. Studien zum ius singulare und den privilegia miserabilium personarum, senum und indorum in Alter und Neuer Welt (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 231)
Sundhausen, H. Europa balcanica.
Der Balkan als historischer Raum Europas.
Gradeva, R.
Rumeli under the Ottomans, 15th–18th Centuries. Institutions and Communities
 
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