Kurator

Profile_image

Prof. Dr. Jens Beckert

Telefon:+49 221 2767-208Fax:+49 221 2767-418

Weitere Informationen

Weiterführende Links

Kulturwissenschaften . Rechtswissenschaften . Sozialwissenschaften

Wie sich Märkte steuern lassen

Wirtschaft und Märkte bedürfen institutioneller Regulierung. Private und öffentliche Interessen können dabei in Konflikt geraten und müssen durch effiziente und faire Regeln austariert werden. Forscher untersuchen, wie Regulierungsmechanismen entstehen, sich verändern und wie sie wirken, um deren Folgen besser abschätzen und Empfehlungen an die Politik geben zu können.

Die jüngste Finanzkrise war ein Schock für all jene, die auf die Stabilität unseres Wirtschafts­systems vertraut haben – also für praktisch jeden von uns. Sie zeigte überdeutlich, wie wichtig eine funktionierende Steuerung der Wirtschaft ist. Denn die Krise war laut der meisten Experten vor allem eine Folge mangelhafter institutioneller Regulierung der Finanzmärkte. Seither drängen die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G-20) auf neue Regeln, die solche Krisen bereits im Vorfeld abwenden helfen. Doch welche Mechanismen sollten die Staaten in Kraft setzen?

Die New York Stock Exchange gehört zu den weltweit größten Börsen. Bild vergrößern
Die New York Stock Exchange gehört zu den weltweit größten Börsen.

Märkte sind die zentralen Arenen des Tauschs in kapitalistischen Ökonomien. Doch sie funktionieren nur, wenn sie der Staat reguliert1,2. Indem er etwa auf den Energie- oder Telekommunikationsmarkt Einfluss nimmt, sichert er den Wettbewerb und setzt Entwicklungsanreize. Indem er den Arbeitsmarkt reguliert, nimmt er Einfluss auf die Verteilung des gesellschaft­lichen Reichtums. Die von der Politik verfolgten Ziele und die tatsächlichen Konsequenzen ihrer Maßnahmen können aber auch unerwünschte Folgen haben. So drohen Konflikte, wenn die Bürger gesellschaftliche Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit bedroht sehen. Darüber hinaus stehen private und öffentliche Interessen meist in einem Spannungsverhältnis: Was dem Staat dient, kann den einzelnen Bürger belasten – und umgekehrt.

>> Märkte sind die zentralen Arenen des Tauschs in kapitalistischen Ökonomien. Doch sie funktionieren nur, wenn sie der Staat reguliert

Wer Regulierungsmaßnahmen ergreift, muss also viele Aspekte beachten. Zu den Aufgaben der Wissenschaft zählt es, diese systematisch zu erfassen. Einige Forscher beschäftigen sich mit normativen Fragen: Welche ökonomischen Ziele sind überhaupt wünschenswert? Dazu könnte gehören, dass Unternehmen mit ausreichend Eigenkapital ausgestattet sind und dass die systemischen Risiken im Wirtschaftskreislauf gering sind. Andere Ansätze sind empirisch-analytisch: Welche regulatorischen Mechanismen wurden in der Vergangenheit ergriffen, wie sind sie entstanden – und was haben sie bewirkt? Eine dritte Gruppe von Forschern analysiert das Wechselspiel zwischen Regulierung und dem Verhalten der Marktteilnehmer: Wenn jene, die von Maßnahmen betroffen sind, unerwartet reagieren, kann das Ziel verfehlt werden.

Händler der New Yorker Börse beobachten nervös die fallenden Kurse infolge der europäischen Finanzkrise. Bild vergrößern
Händler der New Yorker Börse beobachten nervös die fallenden Kurse infolge der europäischen Finanzkrise.

Eine besonders wichtige Funktion von Regulierungsmaßnahmen besteht darin, öffentliche und private Interessen auszutarieren. So würden Unternehmen der Telekommunikationsbranche Internetzugänge am liebsten ausschließlich in Städten vermarkten, wo die größten Gewinne winken; Politiker müssen aber Sorge tragen, dass die nötige Infrastruktur auch in weniger profitablen Regionen verfügbar ist. Banken wiederum konnten in jüngerer Zeit große Risiken eingehen, um hohe Gewinne zu erzielen. Sie mussten lediglich geringe Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung erfüllen. Die Krise zeigte: Schlagen die Strategien der Banken fehl, müssen letztlich staatliche Einrichtungen für die Verluste aufkommen. Doch müssten diese Einrichtungen dann nicht von vornherein an den Entscheidungen der Banken beteiligt sein? Etwa indem sie einen Sitz in deren Aufsichtsräten innehaben und höhere Versicherungsprämien erhalten, sobald ein Finanzinstitut riskante Geschäftsstrategien verfolgt?

Die Besteuerung von Bürgern und Unternehmen ist ebenfalls eine Regulierung der Wirtschaft. Hier besteht ein natürliches Spannungsverhältnis3 zwischen dem Steuerzahler (der wenig Steuern zahlen möchte) und dem Fiskus (der Unternehmen und Bürger gemäß ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit besteuern muss). Verschärfend kommt hinzu, dass die Steuerbehörden weniger über den zu Besteuernden wissen als dieser selbst. Der Fiskus würde daher gerne tiefer in die Privatsphäre von Unternehmen und Bürgern eindringen, um mehr zu erfahren – und hofft auf Regularien, die ihm dies gestatten. Andererseits gewinnt gerade im digitalen Zeitalter der Schutz der Privatsphäre zunehmend an Bedeutung, da heute immer mehr personenbezogene Daten erfasst werden. Bis wohin also darf der Staat gehen, um seinen legitimen Informationsbedarf zu decken? Auch der Umgang mit Steueroasen spielt hierbei eine Rolle: Was soll dem Staat erlaubt sein, um illegale Finanztransfers aufzudecken und zu unterbinden?

GLOBALISIERUNG ALS HERAUSFORDERUNG

Auf internationaler Ebene stehen die Steuersysteme vor weiteren komplexen Herausforderungen. Multinationale Konzerne verfügen mittlerweile oft über zahlreiche Standorte in unterschiedlichen Ländern. Wenn nun zum Beispiel die Entwicklungsabteilung in Land X maßgeblich dazu beiträgt, dass das Unternehmen in Land Y viele Autos verkauft, wie lässt sich dann ermitteln, welchen Wertschöpfungsbeitrag sie leistet? Wie und wo soll angemessen besteuert werden?

Die Folgen der Krise sind vielfältig. Bild vergrößern
Die Folgen der Krise sind vielfältig.

Die finanzwissenschaftliche Forschung kann diese Veränderungen identifizieren, Zusammenhänge aufzeigen, Entwicklungen erklären und bewerten sowie Emp­fehlungen für Politik und Gesetzgebung daraus ableiten. Zudem kann sie neue Antworten auf klassische Probleme der Finanzwirtschaft geben, indem sie ihr methodisches Vorgehen etwa durch Labor- und Feldexperimente ausweitet.

Die unübersehbaren Folgen der Globalisierung und Liberalisierung verstärken den Handlungsbedarf auf diesem Gebiet drastisch. Märkte dehnen sich immer schneller über nationale Grenzen hinweg aus4,5. Doch die gesellschaftlichen Institutionen und regulatorischen Mechanismen folgen dieser Entwicklung nur langsam, wie Forscher beobachten. Marktteilnehmern gewährt dies erhebliche Freiräume: Ihnen steht eine bisher ungekannte Vielfalt strategischer Optionen zur Verfügung. Daher sind neue, staatenübergreifende Regulierungsmaßnahmen dringend erforderlich6. Sie gilt es wiederum sorgfältig auszutarieren, schließlich sollen sie auch das Interesse von Staaten berücksichtigen, die die Eigenheiten ihrer Wirtschaftssysteme geschützt wissen wollen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel während einer Debatte im Europäischen Parlament. Bild vergrößern
Bundeskanzlerin Angela Merkel während einer Debatte im Europäischen Parlament.

Nicht zuletzt untersuchen Forscher auch das Verhältnis zwischen rechtlichen Regeln und individuellen Marktteilnehmern. Im Wirtschaftsalltag kommt es beispielsweise vor, dass ein Verkäufer die Lieferung einer Ware verweigert. Wann ein solches Ver­halten als zulässig gilt, ist rechtlich geregelt7. Doch Gesetze bringen auch gesellschaftliche Normen zum Ausdruck; sie fallen daher unterschiedlich aus, je nachdem ob sie beispielsweise Fairness, Gerechtigkeit oder Effizienz betonen. Hierdurch kann es zu Konflikten mit den Überzeugungen des individuellen Marktteilnehmers kommen.

Institutionelle Regulierung beschränkt einerseits die Handlungsoptionen von Marktakteuren, eröffnet aber zugleich auch Handlungsmöglichkeiten. Sie bietet Handlungsanreize und steuert die Verteilung knapper Güter. Darüber hinaus sorgen sie dafür, dass im Lauf der Zeit ein gesellschaftlicher Konsens über wünschenswerte Re­gelungen erreicht wird. Wir müssen die historische Entstehung und die Wirkungsweise institutioneller Regulierungsmechanismen allerdings genau verstehen lernen. Nur dann können wir sie einsetzen, um die wirtschaftliche Entwicklung besser zu gestalten.

Die Wirtschaftsordnung jeder Gesellschaft beruht auf sozialen und politischen Grundlagen. Die detaillierte Untersuchung der Art und Weise, in der sich Volkswirtschaften in Gesell­schafts­ordnungen konstituieren, zählt zu den wesentlichen Forschungs­aufgaben in den Sozialwissen­schaften (Beckert, J. & Streeck, W., MPIfG Working Paper 8/04, 2008).

Beckert, J.
The social order of markets.
Williamson, O.
The Economic Institutions of Capitalism.
Konrad, K. A.
Privacy and time consistent optimal labor income taxation.
Quack, S.
Legal professionals and transnational law-making: A case of distributed agency.
Djelic, M. L. & Quack, S.
Institutions and transnationalisation. Royston Greenwood, et al. (eds). Handbook of Organisational Institutionalism
Streeck, W.
Re-forming Capitalism: Institutional Change in the German Political Economy
Engel, C.
Generating Predictability. Institutional Analysis and Institutional Design
 
loading content