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Prof. Dr. Wolfgang Baumeister

Max-Planck-Institut für Biochemie, Martinsried

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Visuelle Proteomik

Moderne Elektronenmikroskope liefern lebensnahe Bilder aus dem Innern von Zellen – dreidimensional und detailreich bis in den Nanometerbereich. Mit der »Kryo-Elektronentomographie« gelang es, zuvor verborgene Mechanismen der zellbiologischen Abläufe aufzudecken. Forscher wollen das Verfahren weiter optimieren und mit anderen kombinieren, um neue Einblicke in die komplexen Wechselwirkungen von Proteinen zu gewinnen.

Wenn die genetische Information einer Zelle eine Art »Drehbuch des Lebens« darstellt, so sind die Pro­teine die Protagonisten. Doch wer führt dabei Regie und bestimmt darüber, wer wo mit wem zusammenarbeitet – und zu welchem Zweck? Um das zu beantworten, haben Wissenschaftler die herkömmliche Elektronenmikroskopie zu einem machtvollen Instrument weiterentwickelt: die Kryo-Elektronentomographie (Kryo-ET). Sie kann Makromoleküle und Molekülkomplexe im natürlichen räumlichen Zusammenhang innerhalb der Zelle sichtbar machen und charakterisieren1,2.

UNGESTÖRTE BEOBACHTUNG

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Bild 1 | Kryo-Elektronentomographie von Polyribosomen, zelleigenen Montagebändern für Proteine. Links: Tomogramm eines Polyribosoms. Rechts: Simulation dieses Polyribosoms mit gerade entstehenden Proteinen9 [weniger]

Zu diesem Zweck werden tomographische Methoden, ähnlich wie man sie aus der medizinischen Diagnostik kennt, auf schockgefrorene Zellen oder andere Objekte angewandt (»kryo« bedeutet kalt). Kombiniert mit anderen Möglichkeiten der Bildgebung und biochemischen Analysen könnte es Wissenschaftlern einen revolutionären Ansatz bieten, die komplexe Arbeitsweise aller Proteine einer Zelle, des Proteoms, zu verstehen.

Jede Zelle birgt eine enorme Vielfalt hochmodularer »Biomaschinen«, die aus verschiedenen Bauteilen bestehen. Größtenteils setzen sie sich aus Proteinen zusammen, deren konzertierte Aktion lebenswichtige Prozesse wie die Expression von Genen, die Zellteilung und den Stoffwechsel antreibt. Einige dieser Komplexe sind so stabil, dass man sie von den übrigen Zellbestandteilen reinigen und ihren Aufbau beispielsweise mittels Röntgenkristallographie bis auf Atomebene bestimmen kann. Viele andere aber beruhen auf kurzlebigen und schwachen Interaktionen3.

Zwar gibt es experimentelle Methoden, mit denen Wissenschaftler auf die Zusammensetzung und Funktion solcher Ge­bilde schließen können. Besser wäre es jedoch, diese mit hochauflösenden bildgebenden Verfahren in ihrem ungestörten zellulären Milieu zu beobachten4,5. Solche Ansätze könnten Grundstein für eine »visuelle Proteomik« sein, bei der die verschiedenen Proteine einer biologischen Probe direkt in ihrem natürlichen Umfeld abgebildet werden – statt in einem stark manipulierten mikroskopischen Präparat.

 
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