Dr. Juliane Bräuer
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, LeipzigTelefon: +49 341 3550-413
Fax: +49 341 3550-119
E-Mail: jbraeuer@eva.mpg.de
7. Dezember 2009
Text: Birgit Fenzel
Bild vergrößern
Die Kunst des Gedankenlesens hat einen wissenschaftlichen Namen: Theory of Mind. Über sie begreifen Menschen andere Menschen als Individuen mit eigenen Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken und können sich danach vorstellen, was im anderen vorgeht. Für Forscher gehört die Theory of Mind zu den Grundlagen des Lernens und Lehrens und somit auch zur Entstehung von Kultur – man denke nur an die Rolle, die Nachahmung und Imitation, Zeigen und Vorführen für die Weitergabe von Wissen oder beim Spracherwerb spielen.
Lange Zeit ging man davon aus, dass die Theory of Mind eine originär menschliche Fähigkeit sei, die sich im Verlauf der Evolution entwickelt hat. Doch konnten Wissenschaftler um Michael Tomasello in der Abteilung für vergleichende und Entwicklungspsychologie am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie beobachten, dass auch Schimpansen einige Schlüsselaspekte dieser Fähigkeit, Perspektiven und Absichten anderer wahrzunehmen, vorweisen.
Um herauszufinden, was Affen über die Wahrnehmungen ihrer Gruppengenossen wissen, hatte der Psychologe Josep Call den ausgeprägten Futterneid der Bewohner des Affenhauses im Pongoland ausgenutzt und Obststückchen im Gehege verstecken lassen. Tatsächlich trauten sich die niedrigeren Ränge nur an die Extraportion, wenn sie zuvor gesehen hatten, dass das Alphamännchen weder das Verstecken mitbekommen noch das Futter im Blickfeld hatte.