Prof. Dr. Dr. h. c. Stefan H.E. Kaufmann
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Ein Schüler des griechischen Philosophen und Arztes Hippokrates (460 – 370 v. Chr.) schrieb im dritten Buch des „Corpus Hippocraticum“: „... die wichtigste und bedrohlichste Erkrankung, die die meisten von uns tötet, ist Phthisis. ...“ In den Kapiteln über die heiligen Krankheiten im „Corpus Hippocraticum“ vermutete ein anderer Autor dieser Schule die Vererbbarkeit der Tbc, wenn er feststellte, dass die Kinder von Eltern, die unter Phthisis leiden, auch mit dieser geboren werden. Die Übertragbarkeit der Krankheit wurde bereits von Aristoteles (384-322 v. Chr.) bemerkt.
Girolamo Fracastoro (1478-1553), der herausragende Politiker, Philosoph und Arzt der Renaissance, beschreibt schon sehr genau die Tbc und ihre Übertragung: „Es kann geschehen, dass jemand vollständig gesund ist, trotzdem durch den gewohnten Umgang und das Zusammenleben mit einem Schwindsüchtigen oder durch einen Zunder (hier: abgelegte Kleidung) diese Krankheit sich zuziehen konnte.“ Genauso wichtig aber fand Fracastoro erbliche Faktoren: „Es ist schon erstaunlich festzustellen, wie in einer Familie alle Mitglieder bis in das fünfte und sechste Glied an ähnlichen Symptomen der Schwindsucht leiden und häufig im selben Alter versterben.“ Wie recht er doch hatte, der große Medicus; zwar wird die Tbc durch Erreger übertragen, das Risiko zu erkranken wird jedoch durch die Genetik des Wirts mitbestimmt.
Als Robert Koch (1843 - 1910) 1882 in Berlin den Erreger der Tbc erstmals beschrieb und damit das goldene Zeitalter der medizinischen Mikrobiologie einläutete, hatte er anfangs mit großen Widerständen zu kämpfen. Insbesondere der einflussreiche Pathologe Rudolf Virchow ließ sich nur schwer von seiner Meinung abbringen, dass die Tbc eine krebsartige Erkrankung darstelle. Die Beweise Kochs waren jedoch schlagend. Mit Hilfe aufwändiger Färbemethoden und der Mikrophotographie konnte er den Erreger regelmäßig im infizierten Gewebe nachweisen; auf den von ihm eigens entwickelten festen Kulturmedien gelang ihm die Anzucht der Erreger, mit denen er im Tiermodell die Krankheit wieder hervorrufen konnte.
Mit seiner epochalen Entdeckung begründete Koch die Ära der Tbc-Forschung, die die mikrobiologische Diagnostik, Prävention und Therapie der Tbc ermöglichte. Diese Forschungsrichtung wurde von den politischen Führungen Europas des späten 19. Jahrhunderts stark gefördert, war doch die Tbc Ursache Nummer eins für die hohen Sterberaten in den schnell wachsenden Großstädten besonders unter der arbeitenden Bevölkerung: Knapp 50% der Todesfälle der 25 bis 40-Jährigen gingen auf das Konto der Schwindsucht.
Die von Koch beschriebene Anzucht und Färbung wurden daher rasch in ein diagnostisches Nachweisverfahren umgesetzt. Kochs Versuch einer Impfung gegen Tbc endete dagegen in einem Desaster. Knapp 20 Jahre später versuchten zwei französische Wissenschaftler – Albert Calmette (1863 – 1933) und Camille Guérin (1872 – 1961) – einen neuen Anlauf. Sie schwächten den Erreger der Rinder-Tbc in mühsamen, mehr als zehn Jahre dauernden Kulturversuchen ab. Schließlich hatten sie 1921 einen vollständig attenuierten Impfstamm gewonnen, der in den folgenden Jahren Zehntausenden von Neugeborenen verabreicht wurde, die in Familien mit Tbc-Kranken zur Welt kamen. Trotz des hohen Risikos an Kleinkind-Tbc zu erkranken, brach bei den geimpften Babys nur selten die Krankheit aus. Der Impfstoff hatte seine Wirksamkeit bewiesen.
Heute ist der BCG-Impfstoff mit vier Milliarden verabreichten Dosen der weltweit am häufigsten eingesetzte Impfstoff überhaupt. Das erste Chemotherapeutikum gegen Tbc entwickelte 1944 der US-Amerikaner Salman A. Waksman (1888 – 1973). Bald folgten weitere Tuberkulotika und Anfang der 1960er Jahre hatte das Arsenal von Medikamenten gegen Tbc eine beachtliche Größe erreicht. Die Gefahr schien gebannt.