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Prof. Dr. Dr. h. c. Stefan H.E. Kaufmann

Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, Berlin

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BIOMAX 19

Motten in der Lunge

Doch auch mehr als hundert Jahre nach Kochs bahnbrechender Entdeckung, für die er 1905 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde, hat die Tuberkulose (TB) nichts von ihrem Schrecken verloren: Weltweit sterben jährlich fast zwei Millionen Menschen an TB – und damit mehr als zu Lebzeiten Kochs! Jede Sekunde steckt sich irgendjemand neu mit dem Erreger an. Die Bazillen werden durch Tröpfcheninfektion übertragen; ein Drittel der Weltbevölkerung ist mittlerweile infiziert. Viele Menschen in ärmeren Ländern haben aufgrund von Mangelernährung ein geschwächtes Immunsystem. Entsprechend kommt es hier oft schon bei der Erstinfektion zum vollen Ausbruch der Erkrankung. Unbehandelt verläuft die Tuberkulose dann meist tödlich.

Die Diagnose von TB ist schwierig, weil es keine charakteristischen Symptome gibt, sie kann endgültig nur durch einen mikrobiologischen Nachweis des Erregers gestellt werden. Je nachdem, wo der Arzt den Infektionsherd vermutet, untersucht er Hustenauswurf, Magensaft, Bronchialsekret oder Urin. Bei hochinfektiösen Formen der Erkrankung sind die Mykobakterien mithilfe spezieller Färbungen sofort unter dem Mikroskop zu erkennen, bei geringer Erregerkonzentration muss eine Bakterienkultur angelegt werden. Die Ansteckungsgefahr ist am höchsten, solange der Erreger mikroskopisch nachweisbar ist.

In abgekapselten Herden (Tuberkel) können die Bakterien lange im Körper überleben. Die knötchenartigen Entzündungen, die zunächst keine Beschwerden verursachen, bleiben bei der großen Mehrzahl der Fälle das einzige Anzeichen der Tuberkulose. Ist der Betroffene jedoch in seiner Abwehr geschwächt, können sich die Tuberkuloseherde öffnen und die Bakterien verteilen sich über die Blutbahn in den Körper. Die Folge ist ein Anschwellen der Lymphknoten der Lunge oder eine Entzündung des Rippenfells, des Herzbeutels, der Hirnhäute (oft tödliche Meningitis), am häufigsten der Lunge.

Er hörte seinen Verwandten von der Krankheit sprechen […] von Hans Castorps eigenem bescheidenen, aber langwierigen Fall, dem Reiz, den die Bazillen auf die Gewebszellen der Luftröhrenverästelungen und der Lungenbläschen ausübten, der Tuberkelbildung […], dem Zellenzerfall und Verkäsungsprozess, von dem dann die Frage sei, ob er durch kalkige Petrifizierung und bindegewebige Vernarbung zu heilsamen Stillstand gelange oder zu größeren Erweichungsherden sich fortbilde, umsichgreifende Löcher fresse und das Organ zerstöre. Er hörte von der wild beschleunigten, galoppierenden Form dieses Vorgangs, die in ein paar Monaten schon, ja in Wochen zum Exitus führe […] beschreibt Thomas Mann in  „Der Zauberberg“ den Verlauf der Krankheit. Der Roman spielt in einem Davoser Tuberkulose-Sanatorium vor dem Ersten Weltkrieg – zu einer Zeit, als es noch keine wirksamen Medikamente gegen Tuberkulose gab.

 
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